BERLIN: Drachenflüsterer Boris Koch

von Adriana Leidenberger Der Drachenflüsterer von Boris Koch ist eine...

von Adriana Leidenberger

Der Drachenflüsterer von Boris Koch ist eine spannende und amüsante Fantasygeschichte aus der Feder eines Berliner Autoren, der aus einem immer wiederkehrendem Thema etwas ganz Eigenes macht. Zum einen ist der Protagonist ein zuweilen sehr einfältig wirkender Waisenjunge, der Knochen unter einer Türschwelle vergräbt, um einen Schutzzauber zu sprechen oder nachts auf einen Friedhof schleicht, um eine tote Ratte über eine Warze zu reiben, weil er glaubt, sie so loszuwerden. Diese einfach gestrickte Menschlichkeit wird er auch zum Schluss, als er schon viele Abenteuer bestanden hat, nicht ganz los.Zum anderen werden den vermeintlich gefährlichen und majestätischen Wesen, mit dem die Drachen die Fantasie ganzer Lesergenerationen beflügeln, eben diese Flügel abgeschlagen, um sie zu zahmen Haustieren zu machen. Der Grund dafür ist der Glaube, die Flügel hätten sie vom Teufel bekommen. Und so machen sich Ritter auf, binden schreiende Jungfrauen an Pfosten um die Drachen anzulocken. Was sie nicht wissen ist, dass die Drachen nicht darauf aus sind die Jungfrauen zu fressen, sondern sie vor dem Ritter, der sie fesselt, retten wollen. Doch all das weiß auch Ben nicht. Er will Drachenritter werden. Als endlich ein Drachenritter in sein Dorf zieht, sieht er seine Chance gekommen. Heimlich schleicht er zu seinem Drachen, doch was dann geschieht, hätte keiner vorhergesehen. Ben merkt, dass er durch Rubbeln der Flügelstümpfe, diese wieder wachsen lassen kann, und dass mit den Flügeln, die Drachen ihre Fähigkeit zu sprechen wieder erlangen.

Ihm eröffnet sich eine ganz neue Welt und statt Drachenritter zu werden beschließt er Drachenretter zu sein und die geknechteten Drachen zu befreien. Doch kaum jemand sieht das gerne. Unterstützung bekommt er von seinem Freund Yanko, dessen Freundin Nica, seiner Freundin Anula und einer Handvoll Drachen, denen er die Flügel wiedergegeben hat.

Boris Koch beweist, dass spannende und amüsante Drachengeschichten nicht nur aus dem Ausland kommen. Die Trilogie wird Leser ab 11 Jahren und junggebliebenen Erwachsenen einen kurzweiligen Lesespaß bereiten und ist auch im Ausland ein großer Erfolg. Wie gut er ist, beweist nicht zuletzt, dass er mit dem deutschen Phantastik Preis und dem Hansjörg-Martin-Preis ausgezeichnet wurde.

Adriana Leidenberger: Die Zutaten zu ihrer Fantasyreihe ist klassisch: Ein Außenseiter, Waisenjunge darüber hinaus, als Protagonist, Drachen als majestätische und gefährliche Wesen mit einer gewissen Weisheit und ein Orden, der seine Macht zu erhalten trachtet. Trotzdem gelingt es Ihnen, das Thema auf eigene Weise umzusetzen. Sehen Sie selbst das genau so?

Boris Koch: Natürlich versucht man als Autor immer, eine Geschichte auf seine eigene Weise zu erzählen, und es freut mich, dass es mir in Ihren Augen gelungen ist. Ich bin überzeugt, dass viele klassische Elemente in jedem Genre deshalb auftauchen, weil sie etwas Bestimmtes ansprechen. Als Autor geht es nun darum, diese Elemente nicht einfach zu verwenden wie eine erfolgversprechende Schablone, sondern in ihnen zum einen etwas Neues zu entdecken, und zum anderen zu versuchen, zum ursprünglichen Kern vorzudringen.

Was ist das Faszinierende an Drachen? Warum sind sie gefährlich, was verbinde ich selbst mit ihnen? Wenn sie so etwas wie Freiheit symbolisieren, wie kann ich das am besten rüberbringen?

Ich habe mir beim Schreiben nicht überlegt, was ist typisch Fantasy und muss deshalb in einen solchen Roman, sondern habe versucht herauszufinden, was diese konkrete Geschichte braucht. Organisationen, die ihre Macht mittels Propaganda zu erhalten versuchen, sind ja nicht nur typisch Fantasy, sondern Teil der Realität. Mir ging es bei dem Orden thematisch um festgefahrene Strukturen und Vorstellungen, die so fest verankert sind, dass sie nicht überprüft oder hinterfragt werden. Der Orden folgt keinem „dunklen Herrscher“ und seine Gegenspieler, die Ketzer, sind auch nicht die „Guten“. Er ist kein Angreifer von außen, es sind keine Orkhorden, sondern er ist im Land verankert, er wird von der Bevölkerung überwiegend positiv gesehen.

Für Ben und seine Freunde geht es darum, Dinge zu durchschauen, die eigene Position zu finden, unabhängig von alten Überlieferungen, und aus eigenem Antrieb zu handeln, nicht, weil es eine Prophezeiung gibt, die das verlangt, oder einen alten weisen Ratgeber.

Adriana Leidenberger: Ihr Held – Ben – wirkt manchmal so einfältig, dass es weh tut. Ich selbst habe mich teilweise gefragt, ob er auch in der von Ihnen geschaffenen Welt einfältig und gutgläubig ist, oder nur so viel und so wenig wie andere auch?

Boris Koch: Nun, Ben ist sicher nicht der Intelligenteste, auch fehlt es ihm an der Veranlagung, raffinierte Intrigen zu spinnen. Er ist geradeaus und auch ein wenig naiv, selbst in seiner Welt. Er handelt intuitiv und hat – zumindest meistens – ein gut ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein.

Was die verschiedenen abergläubischen Vorstellungen anbelangt, denen er anhängt, so sind diese jedoch im Großtirdischen Reich relativ weit verbreitet. Ich wollte eine Welt schaffen, in der nicht klar ist, was Magie, was Aberglaube ist. Es schien mir naheliegend, dass in einer Gesellschaft, die an alte Legenden glaubt, in einer Welt, in der es bestimmte Formen von Magie, ungewöhnliche Wesen und seltene Fälle von außergewöhnlichen Gaben gibt, auch Aberglaube existiert.

In unserer Welt, gibt es Jahrhunderte nach der Aufklärung, in einigen Flugzeugen keine Reihe 13, weil die Zahl angeblich Unglück bringen soll. Ist das seltsamer als daran zu glauben, den Schulterknubbel eines Drachen zu reiben, bringe Glück?

Adriana Leidenberger: Mit Aiphyron haben Sie ein Pendant zu Ben unter den Drachen geschaffen. Mit seiner Marotte, rote Lebewesen zu fangen, zu befragen, ob sie Feuerwesen seien und dann wieder frei zu lassen, geben Sie ihm etwas spleenig Menschliches. Wie sind Sie auf diesen Charakter gekommen?

Boris Koch: Mittels einer einfachen Frage: Warum sollten Drachen keinen Spleen haben?

Es sind auch Lebewesen, und wie alle Lebewesen von ihren Genen und Erfahrungen geprägt. Drachen wachsen in meiner Welt jahrelang in der Erde, in einem Baum, in einem Felsen, auf dem Grund des Meeres oder sonst wo in der Natur heran. Optisch und charakterlich sind sie von ihrem Herkunftsort geprägt, der für sie Mutter und Vater zugleich ist.

Aiphyron erwacht inmitten von Asche; worin auch immer er herangewachsen ist, wurde bei seiner Geburt oder kurz zuvor von einem Feuer vernichtet. Dies prägt ihn und hat ihn misstrauisch gegenüber Feuer werden lassen.

Ich wollte, dass der Drache deshalb eine kleine Macke hat, aber wie und warum ich gerade auf den Tick mit den Feuerwesen gekommen bin, kann ich nicht sagen. Eine solche Idee ist oftmals einfach da und schwirrt durch meinen Kopf, und manchmal kann man sie tatsächlich auch verwenden.

Adriana Leidenberger: Welches ist ihr Lieblingscharakter? Haben ihre Charaktere menschliche Vorbilder?

Boris Koch: Eine Lieblingsfigur habe ich nicht, habe ich eigentlich in keinem meiner Romane. Sie sind alle Teil der Geschichte, und alle habe ich mir ausgedacht; dadurch habe ich die Freiheit, mir alle so hinzubiegen, wie ich (oder die Geschichte) sie haben will. Passt mir eine Figur nicht, wird sie ruckzuck geändert, und schon ist ein weiterer Liebling fertig …

Konkrete Vorbilder, die ich 1:1 übertragen habe, haben meine Figuren nicht. Doch es gibt immer wieder erlebte Situationen, Eigenschaften oder Gespräche, die ich als ein Element aufgegriffen habe. Inspiration können alte Freunde aus Schulzeiten sein oder Leute, mit denen ich nicht klar kam, ehemalige Lehrer oder auch ein Politikerinterview aus einer Zeitung. Würde ich eine Figur zu eindeutig an eine einzige reale Person anlehnen, wäre ich innerlich nicht frei, sie zu entwickeln, wie die Geschichte es verlangt. Ich würde versuchen, dem menschlichen Vorbild gerecht zu werden nicht der Romanfigur, und das wäre schlecht für den Roman.

Adriana Leidenberger: Sie kommen aus der Nähe von Augsburg und haben in München studiert. Was hat sie nach Berlin verschlagen? Vermissen Sie die Heimat?

Boris Koch: Als ich das erste Mail in Berlin war, hat mich der ständige Wandel begeistert, das Improvisierte, Lebendige, das so ganz anders war als das gemütliche München. So sehr ich mich in München wohl fühlte und es noch immer tue, wollte ich einfach in Berlin leben, etwas Neues sehen.

Ob ich die Heimat vermisse, ist eine gute Frage. Manchmal den Platz und die Ruhe auf dem Land, das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, und die relative Nähe zu den Alpen. Alte Freunde, die noch immer dort leben, und meine Eltern. Es wäre traurig, wenn ich nichts und niemanden vermissen würde. Doch ich bin glücklich, wo ich jetzt bin, habe auch hier Freunde. Sollte das irgendwann nicht mehr der Fall sein, ziehe ich wieder um; als freier Autor bin ich ja nicht an einen Ort gebunden.

Adriana Leidenberger: Sie haben Alte Geschichte und Neuere Deutsche Literatur studiert. Hilft Ihnen das beim Schreiben?

Boris Koch: Alle Erfahrungen und alles Wissen helfen einem beim Schreiben. Aus dem Studium hilft mir sicher das Wissen über die Vergangenheit und Literatur, das ich dort vermittelt bekommen habe. Vereinfacht gesagt all das, was der Mensch über Jahrhunderte getan und gedacht hat, und wie er es auf unterschiedliche Weise in Literatur gepackt hat. Ebenso wichtig ist aber auch das, was ich mit anderen Studenten erlebt habe, sei es auf einer Party oder bei den Studentendemos ’98, der Gedankenaustausch mit anderen. An einen neuen Ort zu kommen und neue Menschen kennen zu lernen.

Adriana Leidenberger: Was haben Sie gemacht, um bei einem so prominenten Verlag wie Heyne zu landen? Haben Sie Tipps für junge Autoren?

Boris Koch: Das mit den Tipps ist so eine Sache, da es keinen allgemein gültigen Weg zu einem großen Verlag gibt. Und so ist mein entscheidender Tipp: Glaubt niemandem, der sagt, XY ist der einzig mögliche Weg, man muss es unbedingt so oder so machen. Besinnt euch auf eure Stärken. In erster Linie beim Schreiben, denn das ist schließlich das Wichtigste als Autor, aber auch bei der Suche nach Veröffentlichungsmöglichkeiten.

Was mich anbelangt, hole ich mal etwas aus, und es ist dennoch eine gekürzte Version … Ich habe früher fast ausschließlich Kurzgeschichten geschrieben und diese in kleinen Anthologien, Fanzines oder Sammelbänden im Selbstverlag veröffentlicht. Da es immer hieß, Großverlage drucken keine phantastischen Kurzgeschichten, habe ich nicht einmal versucht, dort etwas anzubieten; das würde ich heute anders angehen, nämlich selbst nach Verlagen recherchieren, die es möglicherweise doch drucken, und mein Glück versuchen.

Wie auch immer, damals habe ich mit Vergnügen Lesungen gemacht, auf Musikfestivals, in Kneipen, auf Conventions, in Clubs oder auf Einladung eines SF-Clubs, wo auch immer. Bei einer dieser Lesungen, einer Gemeinschaftslesung von vier Autoren, hat mich eine freie Lektorin gesehen, die eigentlich wegen eines anderen Autors da war, und wir kamen ins Gespräch und hielten danach Kontakt.

Etwa zwei Jahre später war sie zufällig auf dem ElsterCon in Leipzig, wo sie mich Sascha Mamczak von Heyne mit charmanten Worten vorstellte, der wegen der Kurd-Lasswitz-Preisverleihung anwesend war. Ich wiederum war auf dem Con, da die Veranstalter den Autor Christian von Aster und mich gebeten hatten, die Stargäste bei der Einführungsveranstaltung möglichst locker-humorig vorzustellen. Sascha Mamczak und ich unterhielten uns gut, trafen uns auf der nächsten Buchmesse wieder, sprachen über ein mögliches Projekt und ich habe ein Exposé mit Leseprobe abgegeben. Das hat Heyne so weit überzeugt.

Meine Erfahrung ist also, man muss – auch mit ein wenig Glück – zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Aber um das zu sein – und hier sind wir wieder bei den Tipps – sollte man möglichst oft an möglichst vielen Orten sein; das ist einfache Stochastik. Letztlich kommt es aber immer auf den Roman an, den man anbietet, egal auf welchem Weg.

Adriana Leidenberger: Wo und wann schreiben Sie am liebsten?

Boris Koch: Tagsüber an meinem Rechner im Arbeitszimmer. Manchmal aber auch nachts.

Adriana Leidenberger: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Boris Koch: Es wird wieder ein Jugendbuch, jedoch ganz ohne phantastische Elemente. Eine Geschichte über Freundschaft, Träume und Tod.

Adriana Leidenberger: Wir danken für das Gespräch und wünschen weiterhin viel Erfolg und Inspiration.

Boris Koch: Ich habe zu danken.

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