BPM: Spanischer Realismus gefragt, Teil 2

In diesen Zeiten spricht man wenig darüber, worin Spanien spitze...

In diesen Zeiten spricht man wenig darüber, worin Spanien spitze ist. Dabei gibt es viele Dinge, die zu erwähnen wären. Fernab von Banken und Börsen sind die Spanier derzeit zum Beispiel führend im modernen Realismus. Während spanische Künstler bewundernd nach Deutschland schauen, weil hier die Avantgarde-Szene der abstrakten Kunst zuhause ist, gilt Madrid in Europa als Zentrum des modernen Realismus. Mit Interesse werden Künstler wie Cristian Áviles (siehe Foto) eingeladen, um ihre Bilder “von völlig alltäglichen Gegenständen oder Handlungen in einem anderen Licht” auszustellen. So wurde eine Gruppe von spanischen Künstlern  zum Beispiel nach Thüringen ins Panorama Museum eingeladen.

Was ist Realismus?

Der französische Maler Gustave Courbet begründete im 19. Jahrhundert die realistische Malerei. Sie stellte eine Gegenbewegung zur Romantik dar.  Der Künstler Courbet definierte für die realistische Kunst, dass ausschließlich Dinge dargestellt werden sollen, die der Maler sehen und anfassen kann. Heute gelten die Spanier, wo dieser Stil in den vergangenen 40 Jahren stark entwickelt wurde, als Vorreiter dieser Richtung.

Und Áviles ist einer von ihnen, der immer wieder mit seinen Bildern durch die europäische Lande zieht und auch immer wieder nach Deutschland: “Das Land ist seit jeher ein Trendsetter für alle möglichen Formen der Kunst: im Bereich Expressionismus, Abstraktion, konzeptuelle Kunst oder Art performance. Weniger entwickelt ist der Realismus, was auch historische Gründe hat,” glaubt Áviles, den es freut, dass seine Bilder in Deutschland derzeit so gefragt sind wie diese Wäsche-Serie. Sie zeigt etwas für Spanien immer noch Typisches: Auch Unterhosen und BHs werden ohne Scham, vor den Augen aller, in den patios, den Innenhöfen der spanischen Hochhäuser, aufgehängt. So lernt man seine Nachbarn genaustens kennen…

Áviles bezieht sich auf den Mißbrauch dieser “Kopie der sozialen Realität” für Propagandazwecke der Nazis, wenn er von historischen Gründen spricht, die Deutschland in diesem Bereich zurückgeworfen haben. Aber für viele Kunstexperten ist die nach dem 2. Weltkrieg erneut stark aufstrebende abtrakte Kunst im 20.Jahrhundert nicht weniger Propagandazwecken unterworfen gewesen als der Realismus und es erklärt sich daraus heute das gegenseitige Interesse beider Kunstrichtungen aneinander.

Die offene Struktur der informellen Kunst verklärte der Westen Deutschlands nach Meinung einiger Branchenkenner zum Symbol der Freiheit. Auch die darauf folgende Pop-Art, beeinflußt von den USA, sei keineswegs zufällig in den Großstädten der BRD entstanden, wo man die Phänomene der Massenproduktion und des ausufernden Konsums direkt vor Augen hatte und doch die Abstraktion der Realität vorzog.

Im Ostblock wiederum stellte der sozialistische Realismus einen elementaren Ausgangspunkt für weitere ideologische Entwicklungen dar. Er war ohne Zweifel ein noch viel stärkeres Propaganda-Instrument als die Abstraktion im Westen, was dazu führte, das der Realismus lange Zeit verpöhnt war auf der anderen Seite der Mauer. Unter dem Titel „Der geteilte Himmel“ (benannt nach einem Roman von Christa Wolf) stellt die Neue Nationalgalerie in Berlin gerade diese Entwicklung dar. Werke von Ernst Wilhelm Nay, Willi Baumeister, Fritz Cremer, Werner Tübke, Asger Jorn stehen neben Arbeiten der großen Leitfiguren der modernen Kunst Picasso, Bacon, Dubuffet, Rauschenberg, Warhol oder Beuys.

Für Áviles ist der Realismus immer noch eine wichtige Kunstrichtung, die sich vielerorts von den propagandistischen Zwecken befreien konnte und zeitgenössische Künstler hervorgebracht hat wie Antonio López García und Alex Kanevsky. Auch einige der Werke von Gerhard Richter sieht er in der Linie des Realismus.

Áviles selber begann seine Karriere in Chile. Claudio Cortés war einer seiner großen Vorbilder und Lehrer. 1999 kam er nach Europa, besucht Berlin, Paris, London und Rom und bleibt schließlich in Madrid, wo er von der Stiftung “Arauco” gefördert wird. Bis 2002 nimmt er an zahlreichen Ausstellungen in Europa teil, Deutschland fasziniert ihn immer wieder: “Aber was Realismus betrifft, ist Madrid für mich der wichtigere Ort, um zu arbeiten.” Aber der 40-Jährige schließt nicht aus, seine Stilrichtung zu ändern und irgendwann die Realität zu abstrahieren: “Jeder Künstler macht eine Entwicklung durch und ich denke, dass das auch bei mir der Fall sein wird.”

Trotz schwerer Wirtschaftskrise in Spanien kann Áviles derzeit von seiner Berufung und seinem Talent leben: “Ich gebe halt auch Unterricht, um regelmäßige Einkünfte zu haben.” Er ist nicht reich geworden, wohnt nicht in einem der besseren Wohnungsviertel Madrids. Noch muss er im Atelier schlafen und nach Käufern suchen. Aber immer wieder gelangen seine äußerst ausdrucksvollen Bilder in bedeutende Ausstellungen und Galerien. 2004 sogar in die “ArtLondon Fair 04″. 2006 war er bei der “Art Salzburg 2006” vertreten.

Noch findet der Wahlspanier Gefallen an der “Kunst der Wirklichkeit”, die in ihrem Ursprung nicht der Macht dienen soll, sondern dazu, der Realität eine neue Magie zu verleihen, völlig einfachen Dingen einen neuen Zauber einzuhauchen. “Hinter diesen Bildern steht eine enorme emotionale Kraft”, sagt Áviles. Das gilt auf jeden Fall auch für seine Werke, wie diese Frauenhände, die ängstlich die Knie umklammern.

Mehr Info zum Thema hier, mehr über Berlin hier und mehr über Kunst in Madrid hier

 

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