Esther Dischereit erzählt nicht einfach nur Geschichten. Sie spielt mit den Wörtern. Sätze wiederholen sich wie ein Refrain. Für sie klingen Wörter, sie bewegen sich, sie haben eine Farbe und eine Form. So präsentiert sie sich auch auf ihrer Seite www.estherdischereit.de: “Ich gehe und lasse meine Splitter liegen” schreibt sie, die Worte tanzen vor den Augen, gleich in zwei Sprachen. Das Wort ist auf einmal viel mehr als nur eine Ansammlung von Buchstaben, es hat mehr als nur einen kognitiven Sinn, die Wirkung allein dieses tanzenden Satzes auf den Leser ist enorm.
Die 59jährige Dischereit schreibt auch Theaterstücke, Hörspiele und komponiert Lieder. Sie entwirft Gedichte und engagiert sich Zeit ihres Lebens nicht nur für die Juden, die ein Teil ihrer eigenen aufgewühlten Geschichte sind, sondern auch für die Rechte der Arbeiter in Deutschland. Sie bricht dabei viele Tabus und Regeln, auch die der deutschen Rechtschreibung. Immer auch, weil sie zum Nachdenken anregen will.
Die aktive Gewerkschaftlerin will Botschaften vermitteln mit ihren scheinbar ganz bewußt gewählten Worten. Die jüngste Geschichte ihrer Heimat prägt sie. Ihre ältere Schwester hat den Holocaust überlebt, in einem Versteck zusammen mit ihrer Mutter, die trotz alledem, nie Deutschland verlassen wollte. Mit 14 Jahren stirbt diese so wichtige Person in ihrem Leben, diese Mutter, die vor allem geschwiegen hatte all diese Jahre, geschwiegen über das, was sie in Nazi-Deutschland erlebt und bewegt hatte. Die Eltern hatten sich scheiden lassen, Esther lebte mit ihrer Mutter und hatte viele Fragen, aber “jedes Mal, wenn ich sie etwas fragen wollte, merkte ich, dass ihr Körper heftige Reaktionen aufwies. Ich ließ es dann bleiben.”
Und wie als müßte Dischereit für ihre Mutter sprechen, sprudeln ihre Worte auf dem Papier und erzählen von einem neuen Deutschland und immer noch vorhandenen Verantwortlichkeiten, wie zum Beispiel in dem in Englisch erschienen “Joëmis Tisch”, in “Merryn” oder in “Mit Eichmann an der Börse: In jüdischen und anderen Dingen..” (auch hier bricht sie die deutsche Rechtschreibung und fängt groß an hinter dem Doppelpunkt). Viele Texte handeln aber auch einfach von Liebe und Leidenschaft, die unser Leben bestimmen, “auch wenn sie nicht vorhanden sind”, wie ihr Buch “Der Morgen an dem der Zeitungsträger”.
Ihr tiefgehendes Bewusstsein erklärt, warum sich die deutsche Autorin nicht nur mit Bücher schreiben zufrieden gibt, sondern ihre enorme Kreativität, ihre politische Bildung, Weltoffenheit und fast kindliche Phantasie auch im Tanz und in der bildenden Kunst einsetzt. Vielleicht ist sie so etwas wie eine “Pina Bausch” der Literatur.
Als Kind der 68er hat sie zu allem eine Meinung und will diese auch ausdrücken. So hat sie das Label “Word Music” geschaffen, ein Musik-Wort-Projekt, das sie mit verschiedenen “Kunstwerken” durch die Welt treibt, zum Beispiel nach Italien oder New York. Entstandent ist daraus zum Beispiel: “Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus”. “Ich freue mich jedes Mal, wenn ich Deutschland verlasse”, sagt Dischereit bei ihrem Besuch in Madrid.
Die im jüdischem Glauben erzogene Schriftstellerin, die niemals in Israel war, ist geprägt von der Geschichte ihrer Familie und den demokratischen Veränderungen Deutschlands, geprägt von einer multikulturellen deutsche Gesellschaft, die an ihre Grenzen stößt. Dischereit sagt, sie liebt Deutschland, lebe gerne dort, aber sie sehe vor ihrer Haustür auch Entwicklungen, die ihr nicht gefallen: “Zum Beispiel der wachsende Rechtsradikalismus, dieses Gewaltpotenzial in vielen Bereichen.”
Fast typisch für Deutsche, kritisiert sie gerne die Heimat. Sie sagt, sie findet es fast überall schöner als im kulturell aufregenden Berlin, zum Beispiel in Madrid beim Besuch der Deutschen Schule: “Es macht Spass, das Land zu verlassen, und mit so aufgeweckten Jugendlichen zu arbeiten.” Dischereit schaut in die Sonne, gen blauen Himmel. Ihre Tochter begleitet sie auf der Lesereise durch Spanien. Und sie kann sich der Magie des spanischen Lichtes nicht entziehen und will im November unbedingt auf einer Terasse sitzen, um die Sonnenstrahlen zu genießen, die in Berlin so oft ausbleiben.
Einige ihrer Bücher sollen jetzt ins Spanische übersetzt werden, englische Übersetzungen gibt es bereits. Das ihre Werke nicht schon länger in anderen Ländern zirkulieren, hat vielleicht aucht damit zu tun, dass das Übersetzen ihrer Texte nicht einfach ist. Denn allein Buchtitel wie “Der Morgen an dem der Zeitungsträger”, die auf den ersten Blick schon in ihrer Muttersprache keinen Sinn machen, sind schwierig in eine andere Sprache zu übertragen.
Ihre Sätze kommen und prägen sich ein, wie ihre Literatur, die wohl eine der interessantesten Wege ist, Prosa und Poesie zu abstrahieren und mit anderen Bereichen der Kulturwelt zu verbinden. Damit ist Esther Dischereit auch typisch für ein sehr innovatives deutsches Kulturleben, eine Avantgardebewegung, die ihren Ausgang in Berlin hat, die aber auch u.a. Köln oder Frankfurt anzutreffen ist. Und inzwischen auch an vielen kleinen Orten in Deutschland: Ihre sprechende Kunst steht zum Beispiel in Dülmen, einer kleinen Stadt bei Münster auf dem Programm. Mit eindringlichen Worten und Klängen versucht sie, mit ihrer Literatur das Vergessen an den Holocaust zu bekämpfen, das Vergessen vielleicht ihrer eigenen Geschichte, die ihr nie richtig erzählt wurde. Esther Dischereit bewegt.

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